Vernetzt mit der Crème de la Crème der Wissenschaft
Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind erfolgreich, weil die Forschenden in Netzwerken zusammenarbeiten. Im NFS «Bildkritik – Macht und Bedeutung der Bilder» beispielsweise hat der Austausch einen festen Platz in der Agenda. Die Beteiligten treffen sich zum wöchentlichen Bildkolloquium.
Was ein Bild ist, wissen wir – oder etwa nicht? Bilder sind zu Kommunikationsmitteln geworden wie nie zuvor in der Kulturgeschichte. Die blitzschnelle Eins-zu-Eins-Kommunikation, möglich gemacht etwa durch Handy-Kameras, prägt unsere Gesellschaft. Bilder erschliessen wie die Musik eine Welt, die sich nicht mit Sprache ausdrücken lässt. Sie vermitteln Sinn mit anderen Mitteln und stellen komplexe Sachverhalte unmittelbar dar. Die Vision des in Basel lehrenden Kunsthistorikers und Philosophen Gottfried Boehm ist es, "das Wissen, das in den Bildern gespeichert worden ist, zu erwerben und nutzbar zu machen". Dazu hat er 2005 ein neues Projekt gestartet: den NFS "Bildkritik". Ein gutes Dutzend Disziplinen beteiligt sich am ersten geisteswissenschaftlichen NFS der Schweiz: von der Kunstgeschichte über die Literatur- und Theaterwissenschaften, die Philosophie und die Soziologie bis hin zu Informatik und Biologie.
Die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der im NFS "Bildkritik" – auch eikones genannt – versammelten Disziplinen verlangt nach einer informellen Form der Kommunikation und Zusammenarbeit. Deshalb haben die rund 30 Beteiligten – 20 Doktorierende und Postdocs sowie zehn Professoren – einen Ort geschaffen, an dem sich das Netz quasi einmal in der Woche materialisiert: das "Bildkolloquium". Diese Veranstaltung dient der gegenseitigen Information, der inhaltlichen Hilfeleistung, dem Austausch von Professoren mit Studierenden, Doktorierenden und Postdocs.
"Die Breite des Forschungsnetzwerks habe den Ausschlag für die heutige Form des Kolloquiums gegeben", sagt Doktorandin Maren Butte. "Interdisziplinarität bedeutet auch, dass man den Forschungsalltag der andern verstehen muss." Darum analysieren die NFS-Mitglieder das Bildliche, für dessen Verständnis Begriffe wie Grund, Rhythmus, Perspektive, Rahmen oder Figur zentral sind, in Bezug auf die einzelnen Disziplinen. Aus diesen facettenreichen Definitionen soll in naher Zukunft ein Glossar zum Bildbegriff entstehen.
Der Begriff des Rhythmus ist für Maren Buttes Arbeit zentral. Die Theaterwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin beschäftigt sich mit der "Figuration von Gefühlen": mit Bildern, die Körper in Bewegung hervorrufen, sei es auf der Bühne im musikalisch untermalten Melodrama des 19. Jahrhunderts oder im modernen Spielfilm. Ihre Untersuchung des Verhältnisses von Bild, Ton und Gefühl in unterschiedlichen Medien und Praktiken der letzten 200 Jahre findet immer wieder Schnittstellen zu anderen Ansätzen im Netzwerk des NFS "Bildkritik".
"Wenn ein Thema von andern gutgeheissen wird und auch für andere Arbeiten relevant ist, erhält man jede erdenkliche Unterstützung bei der Umsetzung", sagt Butte. Das Kolloquium funktioniert für die jungen Akademikerinnen und Akademiker, die ihren Forschungsfragen während vier Jahren vollzeitlich nachgehen können, als eigentlicher "Think Tank". Viele der Tagungen und Symposien – etwa zur Bildlichkeit in der Architektur oder zu Bild und Stimme –, mit denen sich der NFS in den letzten vier Jahren profiliert hat, sind in den wöchentlichen Diskussionen ausgeheckt worden.
Immer wieder holen die Professoren dank ihren Netzwerkkontakten namhafte Redner und Gäste aus aller Welt nach Basel. "Alleine der bedeutenden Wissenschaftler wegen, die ich hier in Basel kennengelernt habe, forsche ich gerne im NFS 'Bildkritik'", sagt Maren Butte. Zwar muss sie sich die Beziehungen selber erarbeiten, aber das weitverzweigte, engmaschige Netz des NFS leistet ihr grosse Hilfe. So hat sie wie die anderen Doktorierenden und Postdocs Verbindungen ins Ausland aufbauen können – nach Berlin, Amsterdam und New York. Daraus entstehen internationale und interdisziplinäre Forschungskooperationen.