NFS Neuro 

Hilfe für Querschnittsgelähmte

Forschende des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) "Neuro – Plastizität und Reparatur des Nervensystems" beschäftigen sich mit der Reparatur des Nervensystems. Mit Erfolg. Das war nur möglich, weil Forschende verschiedener Institute und Fachrichtungen intensiv zusammenarbeiten.

Ein Sturz, ein Knacksen im Rücken oder im Nacken: Bei derartigen Unfällen kann sich die Wirbelsäule stark verletzen. Jedes Jahr bleiben rund 200 meist junge Menschen in der Schweiz für den Rest ihres Lebens querschnittsgelähmt und können ihre Beine – oder gar Beine und Arme – nicht mehr bewegen. Noch vor 25 Jahren waren sich die Spezialisten einig, dass Rückenmarksverletzungen nicht geheilt werden können. Anders als in den Beinen, Armen oder Fingern wachsen zerstörte Nervenfasern im Gehirn und im Rückenmark nicht wieder nach. Doch seit ein paar Jahren wächst die Hoffnung, dass Verletzungen des Rückenmarks dereinst zumindest teilweise repariert werden können. Weltweit wird fieberhaft daran geforscht.

Der momentan wohl vielversprechendste Ansatz stammt aus der Schweiz. Der Neurobiologe Martin Schwab, der an der Universität und der ETH Zürich arbeitet, hatte vor 20 Jahren entdeckt, dass in der Hülle von Nervenfasern im Rückenmark und im Gehirn ein bestimmtes Eiweiss das Nervenwachstum unterbindet. Er nannte dieses Eiweiss "Nogo", was auf Englisch in etwa «geht nicht» bedeutet. In mühsamer Kleinarbeit stellte Schwab einen Antikörper her, der dieses wachstumshemmende Eiweiss blockiert: Dieser löst also quasi die Bremse und ermöglicht den Nerven, von Neuem zu wachsen.

Die Wirkung des Antikörpers gegen "Nogo" wurde zuerst an Ratten untersucht. "Wir wollten schon in diesem Stadium sichergehen, dass wir Verletzungen an jenen Stellen des Rückenmarks untersuchten, die auch beim Menschen klinisch relevant sind", sagt Martin Schwab. Bei solchen Fragen half das Wissen der Spezialisten des Paraplegikerzentrums an der Universitätsklinik Balgrist, einem der Partner im Netzwerk des NFS "Neuro".
Der fortwährende Wissensaustausch ist für Martin Schwab denn auch einer der grossen Vorteile im NFS. "Es ist ein ständiges Geben und Nehmen", sagt er. Jeder profitiert von der Erfahrung des Anderen. Wussten zum Beispiel die Neurobiologen der Universität Zürich nichts mit einem sonderbaren Verhalten bei den untersuchten Ratten anzufangen, halfen ihnen die Mediziner der Universitätsklinik Balgrist weiter: In der Klinik hatten sie schon öfter spastische Krämpfe bei Patienten beobachtet, Symptome, die dem Verhalten der Versuchstiere sehr ähnlich waren.

Bevor die Forschenden den Antikörper als Medikament einsetzen konnten, mussten sie sich seiner Sicherheit vergewissern und testeten den Antikörper gegen das menschliche "Nogo" an Affen. Hier erwies sich die Zusammenarbeit mit Forschern der Neurophysiologischen Abteilung der Universität Freiburg – auch sie Partner im NFS "Neuro" – als Glücksfall. Bei den Studien in Freiburg erwies sich das Molekül nämlich als äusserst wirksam: Dank der Behandlung gewannen die im Rückenmark auf der Höhe der Handnerven verletzten Primaten die Beweglichkeit ihrer Finger fast vollständig zurück.

Nach den erfolgreichen Studien mit Primaten konnten die Forscher endlich beginnen, klinische Versuche am querschnittgelähmten Menschen vorzubereiten. Für dieses grosse – und teure – Unterfangen suchten sie weitere Partner und fanden sie in diversen europäischen Spitälern und bei Novartis. Unter Federführung der Basler Pharmafirma laufen die Studien momentan auf Hochtouren. Bis zu ersten klaren Resultaten dürfte es bis etwa Mitte 2010 dauern. Zwischenergebnisse stimmten die Beteiligten optimistisch, erzählt Martin Schwab.

Gleichzeitig warnt der Forscher jedoch vor übertriebenen Erwartungen: Dass ein querschnittgelähmter Mensch nach ein paar Injektionen mit einem Medikament einfach wieder aufstehe und gehe, werde es nie geben. Doch wenn Patienten dank der neuen Substanz schon nur ein paar Muskeln wieder bewegen könnten – zum Beispiel jene der Hände zum Greifen – wäre dies verglichen mit der heutigen Situation ein immenser Fortschritt.

Bei der Rehabilitation wird auch in Zukunft eine intensive Physiotherapie eine entscheidende Rolle spielen. "Die Patienten müssen regelrecht lernen, ihre Gliedmassen wieder zu bewegen", erklärt Martin Schwab. Auch hier zeigt sich der grosse Vorteil der engen Zusammenarbeit im NFS "Neuro": Die Universitätsklinik Balgrist ist auf neuartige Rehabilitationshilfen spezialisiert. Unter anderem wurde hier ein Roboter entwickelt, mit dem sehr schwache Patienten ihren Gang trainieren können. Dank der guten Vernetzung im NFS "Neuro" wurden bereits erste Tests durchgeführt, wie sich die Antikörpertherapie von Martin Schwab und solche physiotherapeutischen Massnahmen ergänzen.

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