Ein Think Tank für die Schweizer Demokratieforschung
Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) hinterlassen bleibende Spuren. Dank dem NFS "Demokratie – Herausforderungen an die Demokratie im 21. Jahrhundert" ist in Aarau ein Zentrum für Demokratieforschung entstanden. Eine Premiere für die Schweiz.
Die Schweiz ist stolz darauf, eine der ältesten Demokratien der Welt zu sein. Dank dem NFS "Demokratie" besitzt sie nun ein Institut, das sich einzig und allein der Erforschung dieser Staatsform widmet: das Zentrum für Demokratie in Aarau (ZDA). Ähnliche Forschungsinstitute bestanden bisher nur im Ausland, vor allem in den USA, aber auch in Skandinavien.
Die Initialzündung für das ZDA ging 2003 von der Stadt Aarau aus. Ursprünglich wollten die Aarauer ein Zschokke-Institut für Demokratieforschung aus der Taufe heben, in Erinnerung an Heinrich Zschokke, einen Vorkämpfer für die Demokratie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Kanton Aargau gegründet wurde. Aarau war 1798 die erste Hauptstadt der Helvetik und sein Rathaus der erste Parlamentssitz der republikanischen Schweiz.
Dann gelangte eine Delegation der Stadt an Hanspeter Kriesi, den Leiter des NFS "Demokratie". "Den Anstoss dazu gaben den Aarauern Medienberichte über die Aktivitäten des NFS", erklärt der Zürcher Politikwissenschaftler. Er hatte sofort offene Ohren für das Aarauer Anliegen, sah er darin doch die Möglichkeit, auch nach dem Ende des NFS die Demokratieforschung langfristig zu sichern.
Die Bemühungen der Partner führten zu einem Abkommen zwischen der Stadt Aarau, der Universität Zürich, dem Kanton Aargau und der Fachhochschule Nordwestschweiz. Anfang April 2009 konnte das neue Forschungsinstitut in der Villa Blumenhalde eröffnet werden, wo früher der Ur-Demokrat Heinrich Zschokke residierte. "Heute ist das Zentrum der Ort, in dem die Forschung des NFS institutionalisiert wird", sagt Hanspeter Kriesi.
Weil die Stadt Aarau jährlich einen beträchtlichen Betrag für den Betrieb leistet, musste das Zentrum den Lackmus-Test einer Volksabstimmung bestehen. Der Aarauer Souverän hat sich mit klarer Mehrheit dafür entschieden. Hanspeter Kriesi ist sowohl über die Gründung des ZDA als auch über die Umstände, die zu seiner Gründung führten, glücklich: "Dass diese Stätte der Demokratieforschung in einer Volksabstimmung gutgeheissen wurde, ist ein wunderbares Zeichen."
Das Zentrum besteht aus drei Abteilungen. Die Abteilung "Allgemeine Demokratieforschung" umfasst derzeit zwei Projekte des NFS "Demokratie", die von der Universität Zürich betreut werden. Der Leiter dieser Abteilung bekleidet gleichzeitig eine Stiftungsprofessur der Stadt Aarau an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Das zweite Standbein ist das "Centre for research on direct democracy" (c2d, Forschungszentrum zur direkten Demokratie), das Andreas Auer von der Universität Genf während mehr als 15 Jahren aufgebaut hat. Dank der Unterstützung des Kantons Aargau konnte das c2d nun ins Zentrum für Demokratie umziehen. Schliesslich engagiert sich die Fachhochschule Nordwestschweiz mit einer Abteilung für politische Bildung und Geschichtsdidaktik am ZDA.
"Das ZDA soll die erste Adresse für Demokratieforschung in der Schweiz werden", sagt Marcel Guignard, der Aarauer Stadtammann. Der Gesellschaftsvertrag hält unter dem Paragraphen "Zweckbestimmung" auch fest, dass das Institut zur "Ausstrahlung der Stadt Aarau und des Kantons Aargau in der schweizerischen Bildungslandschaft beitragen" soll. Zwar erwarten der Kanton Aargau und die Stadt Aarau, die sich stark für das Zentrum engagiert haben, einen gewissen Transfer von Forschungsergebnissen, beispielsweise in Form von Weiterbildungsveranstaltungen für Politikerinnen und Politiker aller Stufen zu den Themen Demokratie, Staat und Politik. "Aber was dort geforscht wird, können und wollen wir nicht steuern. Es gilt selbstverständlich der Grundsatz der Forschungsfreiheit", sagt Marcel Guignard.
Ist die lokale Verflechtung nicht doch ein Problem für die Unabhängigkeit und Qualität der Forschung zur Demokratie? Hanspeter Kriesi sieht darin eher eine Chance, vor allem für "die Wirkung der Forschungsergebnisse. Resultate können zum Beispiel direkt umgesetzt werden".
Noch nicht in Aarau angesiedelt ist die Kommunikationsforschung, die einen wesentlichen Anteil des NFS "Demokratie" ausmacht. Hanspeter Kriesi hofft auf eine Magnetwirkung, so dass in Zukunft bald neue Abteilungen nach Aarau ziehen könnten. Bereits ist die Ansiedlung einer vierten Abteilung mit dem Schwerpunkt "E-Democracy" im Gespräch. "Das Zentrum hat die kritische Masse und die Partner haben sich jetzt für mindestens 15 Jahre verpflichtet. Allein dieser Umstand bietet eine Kontinuität, auf deren Basis die Demokratieforschung in der Schweiz grossen Auftrieb erhält."