Kaderschmiede der Banken
Das "Swiss Finance Institute" (SFI) in Genf ist ein Schulbeispiel dafür, wie die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) die Bildungs- und Forschungsstrukturen der Schweiz prägen. Denn der NFS "FINRISK – Bewertung und Risikomanagement im Finanzbereich" war ein wichtiger Pfeiler bei der Gründung des SFI.
Obwohl als Finanzplatz weltweit führend, konnte die Schweiz lange Zeit nicht eben mit hochkarätiger Forschung im Bereich der Finanzwissenschaften aufwarten. Inzwischen haben sich die Dinge gewandelt und Schweizer Finanzwissenschaftler forschen an der Spitze mit. An dieser Entwicklung ist der NFS "FINRISK" massgeblich beteiligt. Im NFS "FINRISK" haben die Universitäten Zürich, Genf, Lausanne und Lugano sowie die beiden ETH in Lausanne und Zürich ihre Kräfte gebündelt und ein effizientes Forschungsnetzwerk geflochten. Darauf aufbauend wurde im Jahr 2006 das "Swiss Finance Institute" (SFI) gegründet, ein "Public-Private-Partnership" der Schweizerischen Bankiervereinigung, der Schweizer Börse SIX und der sechs am NFS beteiligten Hochschulen. "Der NFS 'FINRISK' war ein wichtiger Pfeiler bei der Gründung des SFI", sagt dessen Direktor Jean-Pierre Danthine. Er ist Professor für Makroökonomie und Finanztheorie an der Universität Lausanne und wurde auf 2010 ins Direktorium der Schweizerischen Nationalbank gewählt.
Das "Swiss Finance Institute" hat sich einerseits der Weiterbildung von Führungskräften in der Finanzwirtschaft verschrieben, andererseits soll es die finanzwissenschaftliche Forschung in der Schweiz unterstützen. "Wir sind gewissermassen die Forschungsabteilung des SFI", sagt Rajna Gibson, Professorin für Finanzwissenschaften an der Universität Genf und Direktorin des NFS "FINRISK".
Die Gründung und der Aufbau des "Swiss Finance Institute" ist ein Schulbeispiel dafür, wie ein NFS zum nachhaltigen und koordinierten Aufbau von Bildungs- und Forschungsstrukturen in der Schweiz beitragen kann. Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts war die finanztechnische Forschung und Ausbildung in der Schweiz stark segmentiert und verlief entsprechend unkoordiniert. Kein Wunder forderte Pierre Mirabaud 2003 als neuer Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, "eine Konzentration der an verschiedenen Universitäten in der Schweiz erbrachten Anstrengungen zu Gunsten eines Exzellenz-Zentrums". Ein Stück weit rannte er damit offene Türen ein, denn der NFS "FINRISK" verfolgte bereits ähnliche Ziele, und 2006 konnte das aus dem NFS hervorgegangene "Swiss Finance Institute" seine Arbeit aufnehmen. Die Ziele des SFI sind hoch gesteckt: Mittelfristig will das SFI nämlich zu den führenden drei finanzwissenschaftlichen Institutionen in Europa gehören und weltweit unter die Top 10 vorstossen.
Bereits heute ist also klar, dass der NFS "FINRISK" Spuren hinterlassen hat. Allein durch die Gründung des "Swiss Finance Institute" steht die Schweizer Forschungslandschaft im Finanzbereich wesentlich besser und konkurrenzfähiger da als früher. So betreiben der NFS "FINRISK" und das SFI heute gemeinsam das weltweit grösste Doktorierendenprogramm für Finanzspezialisten. Fünfundachtzig nach strengen Massstäben ausgewählte Studierende nehmen an vier Schweizer Universitäten daran teil. Für die Fortgeschrittenenkurse werden namhafte Professoren aus aller Welt eingeflogen. Die neuen Strukturen machten es möglich, 30 neue Professoren in Finanzwissenschaften zu schaffen, weitere Neuberufungen sind geplant. Zudem wurde ein "Tenure-Track-Programm" für Nachwuchsforschende eingerichtet, von dem bereits 18 Professoren und Professorinnen profitiert haben.
Auch wissenschaftlich trägt die innovative Zusammenarbeit Früchte. So konnten an Schweizer Universitäten neue Forschungsfelder wie zum Beispiel "Neuro-Finance" aufgebaut werden. Und bei Forschungsarbeiten, die im Rahmen des NFS "FINRISK" und des SFI gefördert werden, liegt der Anteil der in so genannten "A-Level"-Zeitschriften publizierten Arbeiten überdurchschnittlich hoch.
Trotzdem haben die Forschenden des NFS "FINRISK" gegenwärtig einen schweren Stand – zumindest in der Öffentlichkeit: Schliesslich sah keiner von ihnen die globale Finanzkrise kommen, obwohl sie den Umgang mit Risiken im internationalen Finanzsystem zu ihrem Spezialgebiet gemacht haben – genauso wenig übrigens wie ihre Kollegen im Ausland. "Das ist eine Lektion in Demut für die akademische Forschung", sagt Rajna Gibson, "unsere Modelle haben die Rückkopplungseffekte noch zu wenig im Griff, da haben wir noch einiges zu tun."