Handelsabkommen verlagern die Umweltbelastung nur bedingt in ärmere Länder

Vogelperspektive auf ein Frachtschiff mit Containern an einem Hafen mit Containerkränen und weiteren Seefracht-Containern auf de

Führt die Liberalisierung des Handels zur Auslagerung der Umweltverschmutzung von Industrieländern in ärmere Länder? Dieser Fragestellung gingen Forschende der ETH Zürich unter der Leitung von Thomas Bernauer nach. Insbesondere analysierten sie, ob und wie der Handel über Freihandelsabkommen die Verlagerung von Umweltbelastungen aus den Industrieländern auf ärmere Länder begünstigt.

​Im Zuge der ökonomischen Globalisierung und insbesondere im Zuge des Freihandels kann es zu einer Verlagerung von Umweltbelastungen kommen. Die Forschenden des Nationalen Forschungsprogramms "Nachhaltige Wirtschaft: ressourcenschonend, zukunftsfähig, innovativ" (NFP 73) untersuchen in ihrer Studie Umweltbelastungen, die sowohl bei der Produktion wie auch durch den Verbrauch entstehen. Sie erläutern ausserdem, wie die Handelspolitik und politische Institutionen diese Umweltbelastungen beeinflussen.

Teilnachweise für eine handelsbedingte Umweltbelastung

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten die Auswirkung des globalen Handels auf die Umweltbelastung in 183 Ländern im Zeitraum von 1987 bis 2013. Dabei verwendete das Team die Liste der Weltbank (World Bank Country and Lending Groups). Die Resultate bestätigen, dass es durch Freihandelsabkommen oder präferenzielle Handelsabkommen teilweise zu einer handelsbedingten Verlagerung von Umweltbelastungen in ärmere Länder, zum Beispiel durch Gewinnung von Rohstoffen oder Waldrodungen, kommt. Die Abkommen haben jedoch nicht automatisch zur Folge, dass Industrieländer grössere Mengen dieser Umweltbelastungen in Form von Produkten importieren und konsumieren. Der Verlagerung von Umweltbelastungen wird allerdings bereits heute durch den Transfer technologischer Innovationen oder Diffusion von Umweltstandards entgegengewirkt.

Umweltklauseln haben keinen Einfluss

Die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass Umweltklauseln in Freihandelsabkommen und die Unterzeichnung internationaler Umweltabkommen das Zusammenspiel zwischen Handelsliberalisierung und Verlagerung von Umweltbelastungen nicht beeinflussen.

Dennis Kolcava, Doktorand an der ETH Zürich und Hauptautor des Artikels, erklärt die Abwesenheit eines Effekts unter anderem damit, dass Umweltklauseln in Freihandelsabkommen das diplomatische Gewicht fehlt, um Länder gegenseitig zu verpflichten. Ausserdem sind nur in wenigen internationalen Umweltabkommen griffige Mechanismen zum Vollzug enthalten.

Wohlfahrtssteigernde und umweltverträgliche Handelsabkommen

Um die Verlagerung der verbrauchs- und produktionsbedingten Umweltbelastungen zu reduzieren, wird zwar im Rahmen von bilateralen oder regionalen Handelsabkommen vermehrt auf eine bessere Integration der Handels- und Umweltpolitik geachtet. Die Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass Freihandelsabkommen per se kaum die Ausbeutung des natürlichen Kapitals von ärmeren Ländern durch wohlhabendere Länder auslösen. Sie zeigen allerdings, dass die verschiedenen politischen Systeme einen erheblichen Einfluss auf die handelsbedingte Verlagerung von Umweltbelastungen haben. Die Forschenden fanden Evidenz dafür, dass in demokratischen Staaten politische Anreize bestehen, die Umweltbelastung in andere Länder zu verlagern. Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger müssen deshalb bei der Einrichtung von Freihandelsabkommen besonders darauf achten, dass die Abkommen sowohl wohlfahrtssteigernd als auch umweltverträglich sind und auch der Vollzug sichergestellt wird. Die Beispiele der transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft und das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen EU-Kanada zeigen jedoch, dass dies alles andere als einfach ist.

Kontakt

Prof. Dr. Thomas Bernauer
Institute of Science, Technology and Policy (ISTP)
ETH Zürich
Haldeneggsteig 4
IFW C 45.1
8092 Zürich
Tel.: +41 44 632 67 71
E-Mail:
thbe0520@ethz.chExternal Link Icon

Das Nationale Forschungsprogramm "Nachhaltige Wirtschaft: ressourcenschonend, zukunftsfähig, innovativ" (NFP 73)

Das NFP 73 hat zum Ziel wissenschaftliche Erkenntnisse über eine nachhaltige Wirtschaft mit schonender Nutzung natürlicher Ressourcen, mehr Wohlfahrt und erhöhter Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz zu erarbeiten. Das NFP 73 berücksichtigt dabei die Umwelt, die Wirtschaft und die Gesellschaft und betrachtet sämtliche natürlichen Ressourcen und alle Stufen der Wertschöpfungskette. Die Forschung in 29 Projekten dauert von 2017 bis 2023. Das Budget beträgt 20 Millionen Franken.

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