Aussergewöhnliches Handwerk dank Forschung

Vahid Fakhfouri, Leiter der Forschungs- und Innovationsabteilung von Richemont, und Joëlle Tosetti, Direktorin von CoBooster
© Sarah Adatte / SNSF

Hinter jeder Uhr, jedem Schmuckstück und Kugelschreiber der Richemont-Gruppe steht ein stilles Netzwerk, das die Produktionsstätte dieses grossen Akteurs im Luxussegment mit Wissen versorgt: die Schweizer Forschung.

Superschnelle Laser. Mikromaschinen, die für das blosse Auge unsichtbare Komponenten fertigen. Auf Mikrotechnologie basierende Sensoren, die singuläre physikalische Phänomene messen und Analysesysteme kontinuierlich mit Daten versorgen. Künstliche Intelligenz, die mit immensen Datenvolumen zurechtkommt. Diese Beispiele zeigen: Von der Wissenschaft entwickelte Technologien bilden das Fundament für die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Luxusriesen Richemont.

Die Gruppe vereint einige der prestigeträchtigsten Luxusmarken der Welt unter ihrem Dach: Cartier, Van Cleef & Arpels, Jaeger-LeCoultre, IWC, Vacheron Constantin, Montblanc oder auch Chloé. Im Geschäftsjahr 2024–2025 erreichte Richemont 21,4 Milliarden Euro Umsatz bei einer operativen Gewinnmarge von ca. 21 %. Das Unternehmen beschäftigt weltweit nahezu 39 000 Mitarbeitende, davon 9000 in der Schweiz, wo es seinen Hauptsitz und einen Grossteil seiner Fertigungsstandorte hat.

Grundlagenforschung als Fundament für die Industrie

«Wir strukturieren unsere Forschungs- und Entwicklungsprojekte nach ihrer jeweiligen technologischen Reife», erklärt Vahid Fakhfouri, Leiter für Forschung & Innovation bei Richemont. «In den frühen Forschungsphasen – wenn es noch um Grundprinzipien, Werkstoffe oder technische Konzepte geht – kooperieren wir mit der EPF Lausanne und der ETH Zürich. Je näher die industrielle Umsetzung rückt, umso mehr werden die technischen Hochschulen zu unseren Schlüsselpartnern.»

Die Geografie der Schweiz mit ihren kurzen Wegen fördert diese Art der Zusammenarbeit. «In nur wenigen Zugstunden ist man im Herzen des akademischen Ökosystems», betont Vahid Fakhfouri. «Die uns zur Verfügung stehenden Labore gehören zu den leistungsfähigsten der Welt, und wir profitieren von einmaligen Strukturen und hoch spezialisierten Kompetenzen. Für einen grossen Akteur wie Richemont ist ein solches Umfeld extrem wertvoll.» Dazu kommt, dass die Ausbildung von Fachkräften im Unternehmen und an den Hochschulen vergleichbar ist, was das gegenseitige Verständnis erleichtert und für eine effiziente Zusammenarbeit sorgt.

Die Kooperationen mit der Schweizer Forschung decken ein weites Feld ab, von modernen Werkstoffen über Datenwissenschaft und Robotik bis hin zur Mikrotechnologie. «Eine isolierte Datennutzung und -verwertung ist heute nicht mehr realistisch», stellt Vahid Fakhfouri fest. «Der technische Fortschritt ist rasant und verpflichtet uns, eng mit den Hochschulen und spezialisierten Forschungszentren wie dem Swiss Data Science Center zusammenzuarbeiten.»

Vom akademischen Prototyp zum wirtschaftlichen Erfolgsmodell

An den Produktionsstandorten von Richemont sind Technologien im Einsatz, die von dieser Zusammenarbeit zeugen. «Vor mehr als zehn Jahren haben wir begonnen, zusammen mit Forschenden von ETH/EPF an Femtosekundenlasern zu arbeiten», erzählt Vahid Fakhfouri. Diese Laser können extrem kurze Pulse aussenden – in der Grössenordnung des billiardsten Teils einer Sekunde. Dank dieser winzigen Zeitdauer lassen sich Werkstoffe mit extremer Präzision bearbeiten. «Sie kommen heute in unseren Fertigungsprozessen zum Einsatz und sichern unseren Wettbewerbsvorsprung.»

Die Forschung wirkt sich auch auf andere Weise auf die Produktion der Richemont-Gruppe aus. «Einige unserer Hochgeschwindigkeits-Mikromaschinen – sie arbeiten im mikroskopischen Bereich und reduzieren Kosten, CO2-Emissionen und sogar den Platzbedarf – wurden an Schweizer Hochschulen entwickelt», so Vahid Fakhfouri.

Ein entscheidender, aber fragiler Wettbewerbsvorteil

Die dynamische Zusammenarbeit weist auch auf technologische Prioritäten, die Richemont setzt. Daraus folgert die Einstufung gewisse Forschungsgebiete als prägend für die nächsten Jahrzehnte: haltbare Materialien, Mikrofabrikation, künstliche Intelligenz, Sensoren und digitalisierte Rückverfolgbarkeit. «KI wird ihre zentrale Bedeutung beibehalten», ist sich Vahid Fakhfouri sicher. «Man darf darüber aber nicht vergessen, dass es ohne Sensoren keine Daten gibt. Die Mikrotechnologie bleibt daher grundlegend.» Auch die Entwicklungen in der Robotik veranschaulichen, wie die Gruppe an die Zukunft herangeht. «Wir wollen den Menschen nicht ersetzen», Vahid Fakhfouri. «Es geht uns vor allem darum, Aufgaben weniger beschwerlich zu machen und handwerkliche Tätigkeiten mit hohem Mehrwert zu bewahren.»

Für Industrieunternehmen wie Richemont ist das gesamte unterstützende Schweizer Ökosystem bei Forschung und Innovation ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil. «Die Finanzierungsmöglichkeiten von Innosuisse und Angebote wie der CoBooster vereinfachen die Zusammenarbeit und machen Investitionen rentabler», führt Vahid Fakhfouri aus. Er beobachtet, wie sich Grundlagenforschung und angewandte Innovationen gegenseitig befruchten. «Die vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekte sind von entscheidender Bedeutung. Ohne diese Grundlagenarbeit gäbe es schlicht keine Technologien, die dann später im Herzen der Industrie ihren Platz finden.»

Für die Schweizer Wirtschaft beruht die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie daher mehr denn je auf der Nähe zwischen Forschung und Produktion. Aber dieses Gleichgewicht ist durchaus fragil, warnt der Experte von Richemont: «Wenn die öffentliche Förderung von Forschungsprojekten zurückgehen sollte, könnte die Schweiz strategische Kompetenzen und Vorteile einbüssen.»

Das Schweizer Ökosystem als Katalysator für die Wettbewerbsfähigkeit – das Beispiel CoBooster

Die Zusammenarbeit zwischen Richemont und den Hochschulen hat viele Formen: Praktika für Studierende, Unterstützung von Abschlussarbeiten, Forschungsaufträge, kontinuierliche Weiterbildung oder Zugang zu einmaligen Forschungsanlagen. «Wir nutzen zum Beispiel hoch spezialisierte bildgebende Technik bei der Empa oder am Paul Scherrer Institut (PSI)», berichtet Vahid Fakhfouri, verantwortlich für Forschung & Innovation beim Unternehmen. «Ohne diese akademischen Ressourcen wären bestimmte Fortschritte überhaupt nicht möglich.»

In diesem Ökosystem, das Akteure aus der Wirtschaft und Wissenschaft vereint, wirken einige Initiativen als Katalysator, wie zum Beispiel die CoBooster-Plattform. «Die landesweite, unabhängige Plattform für kollaborative Innovation trägt dazu bei, Ideen, Bedürfnisse der Wirtschaft, Patente und konkrete Probleme in Machbarkeitsstudien zu überführen und dabei Unternehmen, Start-ups, Hochschulen und Forschungsinstitute zusammenzubringen», erläutert die Direktorin von CoBooster, Joëlle Tosetti.

Wer auf CoBooster registriert ist, kann seine oder ihre Themen auf der gesicherten Plattform publizieren – wenn nötig auch anonym, um Vertraulichkeitsanforderungen zu erfüllen. Andere Nutzende der Plattform können ihre Kompetenzen anbieten, sodass rasch multidisziplinäre Teams entstehen, die sich Kosten und Risiken teilen. Für Richemont hat das spürbare Vorteile. «Dank CoBooster können wir kollaborative Projekte ohne hohe Kosten antesten», bestätigt Vahid Fakhfouri.

Derzeit vernetzt die Plattform mehr als 750 Akteure auf nationaler Ebene – grosse Konzerne, Start-up-Unternehmen, Fachinstitute, Berufsvereinigungen und Hochschulen. 52 Teams sind so bis jetzt entstanden. Aus über 75 % der Machbarkeitsstudien werden ambitioniertere Projekte, die grösstenteils von Innosuisse finanziert werden.