Wenn sie einen Eindringling wittern, sind Leitwölfe auf der Hut

Ein Wolf, der am Boden schnüffelt.
© Giada Studer
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Wölfe setzen ihren Urin ein, um miteinander zu kommunizieren. Eine vom SNF unterstützte Studie untersuchte, wie Rudel auf die Markierungen von Eindringlingen reagieren. Sie ist ein erster Schritt, um zu verstehen, was Wölfe anzieht und absc

Wölfe nutzen ihren Geruchssinn, der unvergleichlich besser entwickelt ist als der unsere, um zu jagen oder Feinde zu meiden. Er ist aber auch sehr nützlich, um mit Artgenossen zu kommunizieren. Die Urinmarkierungen, die sie entlang ihres Territoriums setzen, enthalten Botschaften über ihre Identität, ihren sozialen Status und ihren reproduktiven Zustand. Diese Art der Kommunikation ist in der Familie der Hunde grundlegend wichtig. Wissenschaftlich erforscht ist sie bisher jedoch kaum.

Eine vom SNF mitfinanzierte Studie untersuchte, wie in Tierparks lebende Rudel auf das Geruchssignal eines Eindringlings reagieren. Giada Studer, Klaus Zuberbühler und Gwendolyn Wirobski vom Labor für vergleichende Kognition der Universität Neuenburg konnten zeigen, dass Leittiere mit Nachwuchs stärker auf Eindringlinge reagieren[CA1.1]. Ein verbessertes Verständnis der Urinkommunikation könnte es längerfristig möglich machen, Geruchsbarrieren gegen den Wolf zu entwickeln.

Dreizehn Wölfe, fünf Rudel, vier Tierparks

Zwischen April und Juni 2024 konfrontierten Forschende fünf Rudel in vier Schweizer Tierparks mit Gerüchen, die ausserhalb ihres Geheges platziert wurden.

Dazu verwendeten sie Geruchsstationen aus einer Aluminiumplatte, die 30 cm über dem Boden befestigt war, um die natürliche Höhe einer Geruchsmarkierung zu simulieren. Auf den Platten [CA2.1][WG2.2]haben sie mit drei Milliliter Wolfsurin die Anwesenheit eines Artgenossen simuliert, der nicht zum Rudel gehört. Um die Reaktion auf einen Eindringling von der allgemeinen Reaktion auf etwas Neues zu unterscheiden, setzten die Forschenden auch menschlichen Urin ein.

Die dreizehn Wölfe, darunter sechs Leittiere und sieben untergeordnete Tiere, wurden kontinuierlich mit Kamerafallen beobachtet und ihre Reaktionen ausgewertet.

Leittiere reagieren stärker auf neue Gerüche

Das Ergebnis ist eindeutig: Im Vergleich zu untergeordneten oder jungen Tieren interessieren sich Wölfinnen und Wölfe mit eigenen Jungtieren häufiger für fremde Duftmarken. «Diese Tiere haben mehr zu verlieren», erklärt Gwendolyn Wirobski, die sich auf Tierverhalten und soziale Kognition von Hunden und Wölfen spezialisiert und die Studie betreut hat. «Sie haben ihr Territorium, ihre Jungen und einen Partner. Es ist also logisch, dass sie diesen sozialen Informationen mehr Aufmerksamkeit schenken», ergänzt sie.

Die Tiere nähern sich, schnüffeln und hinterlassen eigene Urin- oder Kotmarkierungen. Man kann das als Erkundungsverhalten beschreiben. Die Analyse zeigt, dass dieses Verhalten bei Urin von Wölfen dreizehnmal häufiger war als bei menschlichem Urin. Insgesamt haben die Leittiere die Geruchsstationen doppelt so häufig besucht wie die untergeordneten Rudelmitglieder – unabhängig vom verwendeten Urin.

Im Vergleich dazu lassen sich bei untergeordneten Tieren keine signifikanten Unterschiede im Verhalten zwischen den beiden Urinarten feststellen. Die meisten beschnupperten die Geruchsstationen nur kurz.

Komplexe soziale Kommunikation

Ein Einzelfall veranschaulicht der Einfluss des sozialen Status auf eindrucksvolle Weise. Bei einem Pilotversuch im Dezember 2023 zeigte ein junges, untergeordnetes Weibchen keine Reaktion auf den Urin von Artgenossen. Nachdem dieselbe Wölfin im Februar 2024 in einem anderen Rudel selbst zum Leittier wurde, zeigte sie deutlich ausgeprägtere Reaktionen – ein Ergebnis, das sich bei einem Folgetest sechs Monate später bestätigte.

«Die Tiere reagieren nicht mechanisch auf einen Stimulus. Eine Duftmarke ist eine soziale Information. Die darin enthaltene Botschaft wird je nach dem eigenen Status flexibel interpretiert», analysiert Gwendolyn Wirobski.

Das ist eine äusserst wichtige Beobachtung für das weitere Vorgehen. Denn eine der Einschränkungen der Studie liegt in der Art des verwendeten Urins. «Wir haben Wolfsurin aus den USA verwendet, bei dem nicht bekannt ist, von wem er stammt. Deshalb wissen wir nur, dass die Tiere reagiert haben, nicht aber, welche Botschaften wir gesendet haben», räumt Gwendolyn Wirobski ein. Der nächste Schritt wird daher sein, die Versuche mit zuvor analysierten Proben von bekannten Tieren zu wiederholen.

Urin entschlüsseln, um ihn als Barriere zu nutzen

Zu diesem Zweck arbeiten die Forschenden nun mit einem Biochemiker zusammen. Sie wollen Duftprofile nach Geschlecht, Alter und sozialen Status von Tieren erfassen und dann die Wirkung dieser «Düfte» auf das Verhalten von Wölfen in Tierparks und schliesslich in der freien Wildbahn testen. «Testosteron, Östrogen, Cortisol: All das und noch viel mehr spielt höchstwahrscheinlich eine Rolle in der vermittelten Botschaft. Unsere Aufgabe ist es, sie zu entschlüsseln», sagt die Forscherin.

Die Idee, Herden mit Geruchsbarrieren («biofences») zu schützen, ist nicht neu und wurde bereits bei anderen Tierarten wie Wildhunden oder Kojoten getestet. Gründlich untersucht wurde sie aber noch nie. «Um zu wissen, welche Art von Geruch sich eignet, in welcher Konzentration, in welcher Entfernung oder wie oft man ihn erneuern sollte, müssen wir zuerst verstehen, was auf kognitiver Ebene beim Wolf abläuft, wenn ihm ein Geruch in die Nase steigt. Nur so ist es möglich, kontrollierte Botschaften zu senden und sie beispielsweise abschreckend zu machen», betont Gwendolyn Wirobski. Aber sie glaubt, dass es noch jahrelange Forschung braucht, bevor die Wissenschaft ein zuverlässiges Instrumentarium für die Anwendung im Feld zur Verfügung stellen kann.