Von KI-Ratschlägen bis zum Faschismus: 324 Millionen für wegweisende Grundlagenforschung

KI-Einsatz bei Gewalterfahrungen oder die Geschichte des Schweizer Faschismus: Im Rahmen der Projektförderung unterstützt der SNF 345 Projekte mit 324 Millionen Franken. Gezielte Massnahmen stabilisierten die Erfolgsquote.
Junge Menschen wenden sich im Alltag immer häufiger an sogenannte Chatbots, also KI-Modelle, mit denen sie in einen Dialog treten können. Sie suchen dort Rat, auch in Krisensituationen, etwa bei Gewalterlebnissen in der Familie. Jelena Zumbach-Basu von der Universität Basel untersucht, warum junge Menschen ihre Gewalterfahrungen Chatbots anvertrauen, welche Auswirkungen das auf sie hat und wie angemessen die Reaktionen der Chatbots sind. Mithilfe von Umfragen und Experimenten will die Psychologin so eine wichtige Wissenslücke schliessen und dazu beitragen, dass KI im Umgang mit schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen sicher und wirksam eingesetzt wird.
Breite Grundlagenforschung
Dies ist eines von 304 Projekten, die der SNF mit insgesamt 295 Millionen Franken unterstützt. Weitere 41 Gesuche mit einem zusätzlichen Betrag von 29 Millionen Franken wurden im Rahmen der internationalen Verfahren Weave und Lead Agency zur Förderung vorgeschlagen. Nach der Bestätigung durch die Partnerorganisationen ergibt sich in der Projektförderung insgesamt eine Fördersumme von 324 Millionen Franken.
Die Projektförderung kommt der gesamten Bandbreite herausragender Schweizer Grundlagenforschung zugute. Knapp ein Drittel der unterstützten Forschungsvorhaben entfällt auf die Lebenswissenschaften, gut ein Viertel auf die Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein weiteres Viertel ist im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik angesiedelt, bei den restlichen Projekten handelt es sich um interdisziplinäre Vorhaben (15 Prozent).
Massnahmen für stabile Erfolgsquote
Für sein grösstes Förderinstrument lanciert der SNF zweimal jährlich eine Ausschreibung. Bei der Ausschreibung vom Herbst 2025 wurden insgesamt 1408 Gesuche evaluiert. Rund 25 Prozent davon konnten bewilligt werden.
Mit einer Erfolgsquote von 24,5 Prozent liegt das Ergebnis unter dem Niveau der Vorjahre. Der Grund dafür ist, dass sowohl die Zahl der eingereichten Gesuche als auch die Höhe der beantragten Förderbeträge in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Aufgrund der begrenzten verfügbaren Mittel führte dies zu sinkenden Erfolgsquoten und dazu, dass zahlreiche exzellente Projekte nicht finanziert werden konnten.
Um einen weiteren Rückgang der Erfolgsquoten zu verhindern, führte der SNF zu Beginn der Ausschreibung im Frühling 2026 zusätzliche Zulassungsbegrenzungen ein. «Dank dieser Massnahmen können wir die Erfolgsquoten stabilisieren und trotz begrenzter Mittel die Breite der geförderten herausragenden Forschung sichern», sagt Pascal Fischer, Leiter der SNF-Abteilung Projektförderung.
Weitere Beispiele geförderter Projekte
Geistes- und Sozialwissenschaften
Damir Skenderovic von der Universität Freiburg und Christian Koller vom Schweizerischen Sozialarchiv beleuchten die Geschichte des Faschismus in der Schweiz zwischen 1918 und 1945. Anders als bisherige Studien vergleichen sie die Entwicklungen in der Schweiz mit internationalen faschistischen Bewegungen. Dazu beziehen sie auch aktuelle Forschung aus anderen Ländern ein.
Sie analysieren, wie die Fronten (Schweizer Pendants zu faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien) agierten, wie die faschistischen Nachbarländer Italien und Deutschland ideologisch auf die Schweiz einwirkten und wie sich entsprechende Ideen in der Schweiz verbreiteten. So soll ein differenziertes Bild faschistischer Präsenzen in der Schweiz in ihrem internationalen Kontext entstehen.
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik
Emmanuel Senft und Jean-Marc Odobez vom Idiap Research Institute möchten Assistenzroboter verbessern, indem sie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter mit zwei Ansätzen optimieren. Anstatt technischer Befehle sollen die Nutzerinnen und Nutzer – insbesondere Menschen mit Behinderungen – über Sprache, Blickrichtung und einfache Gesten mit den Robotern interagieren können. Der Roboter verknüpft diese Signale mit Informationen aus der Umgebung, um Absichten zu erkennen und angemessen zu reagieren. Zum anderen entwickeln sie neue Systeme basierend auf dem Konzept der geteilten Autonomie: Mensch und Roboter tragen gemeinsam zur Ausführung einer Handlung bei, wobei der Roboter unterstützend eingreift. So entsteht eine flexiblere und intuitivere Unterstützung im Alltag.
Andre Prevot vom Paul-Scherrer-Institut möchte mit seinem Team die Luftqualität in Südpolen untersuchen, einer der am stärksten von Luftverschmutzung betroffenen Regionen Europas. In Krakau wurde 2019 das Verbrennen fester Brennstoffe verboten, doch eine umfassende Bewertung der Auswirkung dieses Verbots fehlt bislang.
Das Projekt vergleicht erstmals die Situation vor und nach dem Verbot und bezieht dabei auch das benachbarte Umland mit ein, in dem weiterhin Kohle genutzt wird. Mithilfe modernster Messmethoden werden die Forschenden analysieren, welche Feinstaubquellen besonders gesundheitsrelevant sind. Die Ergebnisse liefern eine einzigartige Datengrundlage und unterstützen gezielte Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung.
Lebenswissenschaften
Das Darmmikrobiom, also die Gesamtheit aller Mikroorganismen im Verdauungssystem, spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit von Tieren. In seinem Forschungsprojekt wird Philipp Engel von der Universität Lausanne das Darmmikrobiom der Honigbiene untersuchen. Er möchte herausfinden, welchen Einfluss verschiedene Nährstoffquellen auf die mikrobielle Vielfalt und ihre Funktion haben. Die Ergebnisse ermöglichen ein vertieftes Verständnis für die Interaktion zwischen bestimmten Darmmikroorganismen sowie den gegenseitigen Austausch von Nährstoffen. Zudem kann das Projekt dazu beitragen, Strategien zur Verbesserung der Bienengesundheit zu entwickeln – ein wichtiges Ziel angesichts des weltweiten Rückgangs der Bienenpopulationen.
Eine Rückenmarksverletzung führt häufig zu dauerhafter Lähmung und hat schwerwiegende körperliche und soziale Auswirkungen für die Betroffenen. Elektrostimulation kann dabei helfen, Muskeln zu reaktivieren und die Bewegungsfähigkeit wiederherzustellen. Doch die existierenden Systeme sind komplex. Oft braucht es viel Zeit und Fachwissen, bis sie funktionieren.
Jocelyne Bloch (Universitässpital Kanton Waadt, NeuroRestore), Niels Kuster (Foundation for Research on Information Technologies in Society), Björn Zörner (Schweizer Paraplegiker-Zentrum) und ihre Teams wollen eine neuartige Neuroprothese für die Wirbelsäule entwickeln. Sie ermöglichte eine personalisierte und weitgehend automatisierte Behandlung. Durch schnellere Operationen, einfachere Kalibrierung und den Einsatz in normalen Spitälern könnten mehr Menschen mit Lähmungen ihre Mobilität und Unabhängigkeit zurückgewinnen.
Interdisziplinäre Projekte
Barbara Solenthaler (ETH Zürich) und Andreas A. Müller (Universitäts- und Kinderspital Basel) entwickeln ein umfassendes 3D-Modell des Gesichts, des Gaumens und des Schädels von Kindern, um die Behandlung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zu verbessern. Das Modell schliesst eine grosse Lücke in den existierenden medizinischen Modellen, da diese meist auf gesunden Erwachsenen basieren.
Mithilfe von künstlicher Intelligenz und klinischer Daten kann das Team patientenspezifische «digitale Zwillinge» (virtuelle 3D-Modelle) erstellen, die sowohl die Gesichtsdynamik als auch das Wachstum im Laufe der Zeit visualisieren. Die Modelle unterstützen die Diagnose, die Operationsplanung und die langfristige Bewertung der Behandlung.Landwirte weltweit stehen vor der Herausforderung, genügend Nahrungsmittel zu produzieren und gleichzeitig die negativen Auswirkungen von Düngemitteln und Pestiziden auf die Umwelt zu minimieren. Luca Bragazza von Agroscope untersucht, wie Erträge gesichert und gleichzeitig der Einsatz von Herbiziden sowie die Intensität der Bodenbearbeitung reduziert werden können.
Um dieses Ziel zu erreichen, wird das Projektteam fünf verschiedene Strategien zur Verringerung der Umweltauswirkungen während des Anbaus vergleichen. Gemeinsam mit Schweizer Landwirten und Landwirtinnen werden sie die Bodengesundheit, das Unkrautaufkommen und die Wirtschaftlichkeit bewerten und so praktische Erkenntnisse für nachhaltigere Anbaumethoden gewinnen.