Wissenschaft und Kunst machen Lichtverschmutzung erlebbar

Mit einer begehbaren Installation macht das Projekt «ALANart» Forschungsergebnisse zu Lichtverschmutzung und Insektensterben erlebbar. Dafür wird es mit dem Preis Optimus Agora 2026 ausgezeichnet.
Am 9. September 2026 fand in Luzern zum 15. Mal die ScienceComm statt. Anlässlich dieses Jahreskongresses der Schweizer Wissenschaftskommunikation wurde auch der Preis Optimus Agora 2026 des SNF verliehen: Er ging an das Projekt «ALANart» (ALAN steht für «artificial light at night»). Dieses macht die Auswirkungen künstlicher Beleuchtung in der Nacht auf Ökosysteme erlebbar. Mit dem Preis unterstützt der SNF Projekte, die Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und den Dialog fördern (siehe Kasten).
Ökosysteme aus dem Gleichgewicht
Das Projekt thematisiert Phänomene, die wir alle schon beobachtet haben – etwa, wenn Insekten nachts um eine Lampe schwirren. Das wirkt harmlos, ist es aber nicht: Künstliches Licht in der Nacht bringt ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht und trägt zum Insektensterben bei.
Um diese Problematik erlebbar zu machen, entwickelt ein multidisziplinäres Team im Rahmen von «ALANart» eine begehbare Kunstinstallation. Das Projekt stärkt so das Bewusstsein für eine verantwortungsvollere Beleuchtung. Ergänzend fördern moderierte Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und Workshops den Austausch mit dem Publikum.
Zum Projektteam gehören die Biologin Janine Bolliger sowie die Biologen Nicola Van Koppenhagen und Federico Ferrari von der WSL; der Lichtingenieur Jörg Haller von den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ); die Sozialwissenschaftler Norman Backhaus und Nitin Bathla von der Universität Zürich; der Künstler Thijs Biersteker; Sophie de Krom, Direktorin der Woven-Foundation, sowie der Landschaftsarchitekt Yves Brocker von Enea.
Im Interview erläutern Janine Bolliger, Nicola Van Koppenhagen, Thijs Biersteker und Jörg Haller die Hintergründe des Projekts.
Was ist entscheidend, um Menschen zu einem bewussteren Umgang mit künstlichem Licht in der Nacht zu bewegen?
Die Forschung liefert klare Erkenntnisse: Bereits einfache Massnahmen wie das Dimmen des Lichts, eine fokussierte Ausrichtung des Lichtstrahls oder das vollständige Ausschalten können die negativen Auswirkungen auf die Umwelt deutlich reduzieren. Um das zu vermitteln, gilt es erst einmal, das Publikum zu erreichen. Dabei ist entscheidend, die Problematik der Lichtverschmutzung zu vermitteln und entsprechende Handlungsoptionen zu präsentieren. Anschliessend soll das Publikum die positiven Auswirkungen der Massnahmen erfahren, sodass eine persönliche und intrinsische Motivation entsteht, die Lichtverschmutzung einzudämmen.
Ist Kunst dazu besonders geeignet?
Ja, Fakten allein bewegen Menschen nur selten, Emotionen hingegen schon. Eine Übersetzung der Fakten in Kunst weckt Emotionen, damit werden wissenschaftliche Inhalte nah- und erlebbar. Das berührt die Menschen und macht sie neugierig, mehr über komplexe Themen zu erfahren. Kunst kann im besten Fall dazu beitragen, dass ein Thema wie Lichtverschmutzung langfristig im Bewusstsein verankert wird.
Wie lassen sich Ihre Erkenntnisse konkret umsetzen?
Licht in der Nacht wird verwendet, um mehr zu sehen und die Sicherheit zu gewährleisten, aber auch für ästhetische Zwecke – oder weil man halt beleuchten kann, mit LED, die heute so billig und energieeffizient sind. Dabei geht jedoch oft vergessen, dass die Nacht nicht einfach eine Verlängerung des Tages ist. Viele Organismen sind nachtaktiv und an geringe Lichtbedingungen angepasst. Künstliches Licht in der Nacht stört. Wir möchten aufzeigen, dass ein bewusster und verantwortungsvoller Umgang mit Licht in der Nacht nicht nur Ökosysteme und deren Organismen schützt, sondern zugleich die Qualität unseres eigenen Lebensraums verbessert. Denn Dunkelheit bedeutet auch Ruhe und Erholung.
Welches Publikum wollen Sie erreichen?
Einerseits erreichen wir mit einer speziellen Ausstellung Fachleute, die bislang oft wenig Berührung mit ökologischen Fragestellungen haben. Dazu zählen Architekten, Lichtplanerinnen, Stadtplaner oder Landschaftsgärtnerinnen. Andererseits möchten wir die breite Bevölkerung ansprechen mit öffentlich zugänglichen Ausstellungen. Mit Interviews möchten wir besser verstehen, wie die Kombination aus wissenschaftlichen Informationen und künstlerischer Umsetzung wahrgenommen wird und wie sie die Einstellungen oder die Wahrnehmung der Menschen verändern kann.
Aufenthalt in San Francisco
Der SNF verleiht in Zusammenarbeit mit Swissnex den Preis «Optimus Agora», um das Kommunikationspotenzial geförderter Projekte zu unterstützen. Swissnex ist das weltweite Netzwerk des Bundes für Bildung, Forschung und Innovation. Der Preis wird an herausragende Projekte aus der jährlichen Agora-Ausschreibung vergeben. Die Gewinnerinnen und Gewinner erhalten einen Aufenthalt bei Swissnex in San Francisco, wo sie an Ausstellungen und Schulungsprogrammen teilnehmen können.